Die Geschichte unserer Schule

Home
Konzentrationslager
Spuren bei uns
Widerstand
Die Hitlerjugend
Bücher
Filme
Und heute???
Quellen
Links
Kontakt

 

Unsere Schule

(heutiges Erasmus-Gymnasium Grevenbroich)

 zwischen 1933 und 1945

 Nach der Machtergreifung Hitlers änderte sich auf kommunalpolitischer Ebene die Situation sehr rasch und grundlegend. Bereits im April 1933 trat der bisher in Berlin als Oberregierungsrat tätige Max Wallraf als (zunächst kommissarischer) Landrat des Kreises Grevenbroich-Neuss die Nachfolge von Dr. von Chamier an, der nach Erfurt versetzt wurde. Die NSDAP hatte damit die entscheidende politische Schlüsselposition im Kreis mit einem der Ihren besetzt. In Grevenbroich konnte sich Bürgermeister Wilms in seinem Amt halten, da er das Vertrauen des NSDAP-Kreisleiters Erich Börger in Neuss und Ortsgruppenleiter Berghoff in Grevenbroich besaß.

Die von den neuen Machthabern in Grevenbroich verfügten Straßenumbenennungen umstellten bald das Gebäude des Progymnasiums, das heutige Erasmus-Gymnasium mit Namen von NS-Größen und deren neue Volkshelden. Eine der größten Grevenbroicher Straßen hieß von nun an „Adolf-Hitler-Alle“, Weitere Straßen hießen von nun an „Hermann-Göring-Straße“, „Admiral-Scheer-Straße“ und „Schlageter-Straße“.

Auch die Schule selbst bekam rasch den Zugriff der NSDAP zu spüren. Wiederholt hatte sich das Kollegium in der Vergangenheit gegen eine unzuträgliche Politisierung der Schule gewehrt, insbesondere war den Schülern, entsprechend einem Erlass vom 8. November 1920, das Tragen des Hakenkreuzes verboten worden. Auf eine Beschwerde jüdischer Mitbürger hin hatte die Lehrerkonferenz am 23. März 1923 den Schülern ausdrücklich untersagt, Hakenkreuze anzumalen. Und noch am 22. März 1933, nahm man die zunehmende politische Aktivität eines Schülers und HJ-Führers zum Anlass, dass auf Grund eines früheren Erlasses keinerlei politische Abzeichen in den Klassen getragen werden dürften.

Als nach den Osterferien 1933  also zu Beginn des neuen Schuljahres die Lehrerkonferenz am 2. Mai 1933 zum ersten Man wieder zusammentrat, war plötzlich vieles anders. Studiendirektor Dr. Schubert gab „der Erwartung Ausdruck, dass die Schularbeit, wie auch wohl bisher an der Schule, im nationalen Sinne geleistet werde“. Zugleich bedauerte das Kollegium, dass man einer Einladung des Nationalsozialistischen Lehrerbundes (NSLB) in Neuss wegen deren verspäteten Eintreffens nicht habe Folge leisten können, betonte aber grundsätzliche „Anteilnahme“.

Dr. Schubert halfen solche Anpassungsversuche wenig. Die örtliche NSDAP wollte seine Ablösung. Sie setzte dabei auf Dr. Karl Retsch, der als erstes Mitglied des Kollegiums am 1. April 1933 der NSDAP beitrat und im Juli 1933 zum Abschnittswalter des NSLB bestellt wurde. Er war in Grevenbroich kein Unbekannter, bereits 1925 war er als Studienrat mit den Fächern Mathematik, Physik und Erdkunde am Progymnasium tätig.

Das „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 bot die Handhabe, Dr. Schubert aus seinem Amt als Leiter des Progymnasiums zu entheben. Am 6. Juli 1933 zeigte man ihn beim Oberpräsidenten der Rheinprovinz in Koblenz an, er habe „anlässlich des Gedenktages an das Versailler Diktat in der Schule die Schüler veranlasst, den Reichskanzler Dr. Brüning und den Reichsaußenminister Stresemann zu ehren“. Von der Schulaufsichtsbehörde angestellte Untersuchungen kamen jedoch zu dem Ergebnis, dass diese Darstellung nicht den Tatsachen entsprach.

Dr. Schubert wusste, dass die örtliche NSDAP jedoch nach wie vor daran arbeitete, ihn und den katholischen Religionslehrer Studienassessor Karls Mücher,(Verweis machen, oder ist das auch so eindeutig?) der zugleich an der hiesigen Pfarrkirche tätig war, aus Grevenbroich zu entfernen.

Als in der Konferenz vom 17. Oktober 1933 verlangt wurde, dass möglichst alle Schüler eine, „nationalsozialistischen Bunde wie z.B. HJ, oder BdM“ angehören sollten, erhob Assessor Mücher als einziger Konferenzteilnehmern Einspruch „gegen die einseitige Webung für die vorstehende Bünde“ und wies auf das Konkordat und die darin erfolgte Vereinbarung bezüglich der katholischen Verbände hin. Jedoch blieb er mit seinem Widerspruch allein.

Zunehmend drängte die NSDAP-Ortsgruppe Grevenbroich Bürgermeister Wilms, beim Oberpräsidenten in Koblenz vorstellig zu werden und eine personelle Veränderung am Progymnasium zu erwirken. Am 16. Juni 1934 fand in Koblenz eine Besprechung von Bürgermeister Wilms und Kreisleiter Börger mit Reg. Dir. Ehrlicher und OSchR. Poethen statt, in der die entscheidenden Weichenstellung erfolgten. „Über Versetzung Schubert bestand volle Einmütigkeit, da er als Leiter sich nicht befähigt erwiesen, auch politische Schwierigkeiten vorlägen.“

Kreisleiter Börger beantragte auch die Abberufung von Herrn Mücher. Ende September 1934 teilte der Oberpräsident Bürgermeister Wilms die Entscheidung des Kultusministeriums vom 17. September 1934 mit, „nach welcher Studiendirektor Dr. Schubert auf Grund des § 5 des Berufsbeamtengesetzes in das Amt eines Studienrats versetzt worden ist unter Beibehaltung der bisherigen Amtsbezeichnung und Dienstbezüge. Wegen Zuweisung einer entsprechenden Stelle ergeht noch weiterer Erlass. Bis dahin ist Dr. Schubert mit sofortiger Wirkung, also seit dem 25. September, beurlaubt. Schubert ist anheim gestellt, innerhalb eines Monats auch seine Versetzung in den Ruhestand zu beantragen gemäß § 5.2 des Gesetzes.“

Bis Ende Januar 1935 musste Dr. Schubert seine Dienstwohnung räumen und Grevenbroich verlassen. Vom 25. September 1934 an übernahm Dr. Retsch als dienstältester Studienrat die stellvertretende Leitung der Schule. Etwa gleichzeitig mit der Amtsenthebung Schuberts wurde Mücher und ebenso Studienassessor Kirchherz. Gleichzeitig wurden drei neue Assessoren an das Grevenbroicher Gymnasium berufen: Dr. Wilhelm Goyert, Paul Lennarz und Religionslehrer Franz Brodnike.

Durch Änderungen des Schulrechts wurden systematisch alle demokratischen Mitbestimmungsrechte in der Schule zugunsten des so genannten „Führerprinzips“ beseitigt. In der von Kultusministerium am 9. Februar 1933 erlassenen neuen Konferenzordnung hieß es: „Da der Direktor seiner vorgesetzten Behörde für den nationalsozialistischen Geist und die Leistungen seiner Schule verantwortlich ist, geht es nicht an, dass die von ihm als notwendig erachtete Maßnahmen – wie bisher – zum großen Teil von wechselnden Mehrheitsbeschlüssen der Lehrerschaft abhängig gemacht werden. Unter Aufhebung aller entgegenstehenden Bestimmungen wird daher angeordnet, dass sämtliche Konferenzen in Zukunft nur noch beratende Befugnisse haben, und dass die bisher den Konferenzen zugewiesenen Entscheidungen fortan Direktor trifft, soweit nicht rechtliche Bindungen entgegenstehen.“

Die seit 1920 nach demokratischen Grundsätzen gewählten Elternbeiträge wurden 1934 als systemfremd  abgeschafft. An ihre Stelle trat die „Schulgemeinde“, die alle Eltern und Lehrern umfasste. „Führer“ der Schulgemeinde war der Schulleiter, der zu seiner Unterstützung aus der Elternschaft „Berater“ berief. Dazu trat ein von der HJ entsandter „Jugendführer“. Die Berufenen bildeten mit dem HJ-Führer und dem Schulleiter die „Jugendwalter“ der Schulgemeinde. Tagungen dienten nicht der Mitsprache der Eltern, sondern dazu, die Erziehungsziele des neuen Staates darzustellen und Verständnis dafür zu wecken; es waren Veranstaltungen nationalsozialistischer Propaganda, wie man z.B. den ausführlichen Zeitungsberichten über die erste Schulgemeindetagung des Grevenbroicher Realprogymnasiums am 10. März 1935 im Saal Breuer entnehmen kann. Nicht nur die Eltern waren vertreten, sondern auch die neue Prominenz von Partei und Behörden, unter ihnen der kommissarische Ortsgruppenleiter und Gauschullungsleiter Kinkelin und Landrat Wallraf. Nach musikalischen Schülerdarbietungen, Gedichtvorträgen und dem Sprechchor. Dr. Retsch sprach über „Die Schulgemeinde einst und jetzt“ und der Leiter der Gauführerschule Welchenberg, Gauschulungsleiter Prengerm über „Erbbiologische Grundsätze der Rassenwissenschaft“. Mit viel pseudowissenschaftlichen Aufwand versuchte er seinen Zuhörern die neue Lehre nahe zubringen, „dass ein Volk vor allem seine Blutsgemeinschaft sei“. „Der Leiter des Abends Studienrat Dr. Retsch brachte zum Schluss ein begeistert aufgenommenes Sieg-Heil auf den Führer aus. Die Veranstaltung fand mit dem Gesang des Horst-Wessel und des Deutschlandliedes ihren Abschluss.“

Auch aus der Schulveranstaltung wurden alle demokratischen Elemente entfernt, und zwar zunächst ohne entsprechende Rechtsgrundlagen. Das Kuratorium, dem neben dem Bürgermeister, dem Schulleiter und der Ortsgeistlichkeit die gewählten Vertreter der Stadtverordnetenversammlung angehört hatten, trat nach seiner letzten Sitzung vom 26. September 1933 nicht mehr zusammen. Die Rechte des Kuratoriums beanspruchte nun den Bürgermeister. Durch den Runderlass des Reichs- und Preußischen Ministers für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung von 2. Dezember 1937 wurde Praxis legalisiert: „Das den preußischen Gemeinde zu Einführung empfohlene Muster  einer Verwaltungsordnung für städt. Höhere Lehranstalten (Erl. Vom 1. Oktober 1918) entspricht  in wesentlichen Teilen nicht mehr den geltenden Rechtsgrundsätzen. Insbesondere sind die Bestimmungen über die Zusammensetzung der früheren parlamentarischen Gemeindeorgane gegenstandslos geworden. Die Schulausschlüsse selbst als beschließende Körperschaften sind mit dem das nationalsozialistische Verwaltungsrecht beherrschenden Führungsgrundsätze unvereinbar. (…) Träger der Gemeindeverwaltung ist nach der Deutschen Gemeindeverordnung ausschließlich der Bürgermeister. Es bestehen keine Bedenken, auch auf dem Gebiet der Schulverwaltung diesem Grundsatz Geltung zu verschaffen“

Als das Progymnasium am 1. April 1938 zu Dreiviertel in die Trägerschaft des Kreises Grevenbroich-Neuss überging, wurde entsprechend diesen Runderlass eine „Verwaltungsordnung für die Oberschule für jungen des Kreises Grevenbroich-Neuss“ erlassen (28. April 1938), in deren §1 es hieß: „Befugnisse des Schulausschusses für die Oberschule für Jungen in Grevenbroich gehen auf den Landrat über. In Angelegenheiten der staatlichen Schulbehörde.“ Zu seiner Beratung berief der Landrat „im Benehmen mit dem Beauftragten der NSDAP“ so genannte „Beiträge“ (Bürgermeister von Grevenbroich, Schulleiter, acht Bürger des Kreises, ein Vertreter der Hitler-Jugend). In der Wirklichkeit wurden diese Schulbeiträge (nicht zu verwechseln mit den gewählten Elternbeiträgen aus der Weimar Zeit) vom Schulleiter Dr. Retsch vorgeschlagen, von NSDAP-Kreisleiter Börger in Neuss bestätigt und von Landrat Wallraf ernannt. Sie erhielten dabei Beamtenstatus und mussten, soweit sie nicht als Beamte schon vereidigt waren, folgenden Diensteid ablegen: „Ich schwöre: Ich werde dem Führer des Deutschen Reiches und Volkes, Adolf Hitler, treu und gehorsam sein, die Gesetze beachten und meine Amtspflicht gewissenhaft erfüllen, so wahr mir Gott helfe.“

Die Ernennungsurkunde der neu ernannten Schulbeiträge vom 23. März 1939 hatte folgenden Wortlaut:

„Auf Grund des § 2 der Verwaltungsordnung für die Oberschule in Grevenbroich von 28. April 1938 wir …… in…… hiermit unter der Berufung in das Beamtenverhältnis für die Zeit vom 23. März 1939 bis 22. März zum Schulbeirat berufen. Diese Urkunde wird in der Erwartung vollzogen, dass der Ernannte getreu seinem Diensteide seine Amtspflicht gewissenhaft erfüllt und das Vertrauen rechtfertigt, das ihm durch die Ernennung zugewiesen wird. Zugleich darf er des besonderen Schutzes des Führers und Reichskanzlers sicher sein.

Grevenbroich, den 23. März 1939 Der Landrat“